Archiv der Kategorie: Deutsch

Überleben ist nicht genug

Warum die HBO-Serie STATION ELEVEN gerade die beste nicht verschreibungspflichtige Medizin gegen Covid-Blues darstellt, und außerdem die gewohnten Genre-Grenzen der Postapokalypse sprengt.

Nach zwei Jahren Pandemie sich wir alle reif für ein Licht am Ende des Tunnels, selbst wenn es sich nur als Lampe eines Leuchtfischs auf Landurlaub entpuppen sollte, der uns verschlingt. Aber in STATION ELEVEN lauern uns weder Kannibalen auf, noch müssen wir vor Zombies die Flucht ergreifen, ja nicht einmal Viren verursachen uns Fieber, sondern höchstens der bevorstehende Theaterauftritt – Halt! Stop! Bitte nicht gleich weg laufen! Auch diejenigen können hier beruhigt weiterlesen, die dem Theater um das Theaterspielen noch nie etwas abgewinnen konnten, ich bin ja selbst hochgradig allergisch dagegen.

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gimme a band before midnight

Wer kennt sie nicht, die Projekte, die weder fertig werden, noch einen jemals loslassen? Man weiß, dass zur Fertigstellung hier und da noch was fehlt, und mit jedem Jahr, das vergeht wird es unwahrscheinlicher, dass sich die Lücken je schließen lassen, eher tun sich noch neue auf. Aber manchmal – nur manchmal – passiert das für unmöglich gehaltene, man hat ausnahmsweise mal gleichzeitig einen Geistesblitz der tatsächlich funktioniert, Zeit, Muße und das nötige Durchhaltevermögen (wenn auch sonst keins). Und so begab es sich dieses Jahr, dass ich mit einer Dekade Verspätung den Abbahead-Film in eine abschließende Form gebracht habe.

Nachdem ich hier gleich den fertigen Film einbinde, möchte ich noch ein paar Gedanken dazu festhalten, gewissermaßen das dazugehörige Not-making-of-making-doch, und was mein Bauchgefühl damit zu tun hat.

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Filmplakat-Motiv UNDINE

“Man muss es halt nur sehen”

Interview: Jens Prausnitz, Fotos: Marco Krüger

Mit ein paar Wochen Verspätung ist UNDINE (2020) von Christian Petzold nun im Kino angelaufen, und es gibt diesen Sommer sicher keinen schöneren Film, um eines der wieder geöffneten Kinos zu besuchen. Wer danach mehr über die ausgezeichnete Bildgestaltung der Filme des Regisseurs wissen möchte, ist hier goldrichtig, denn sein Kameramann Hans Fromm hat mir im Interview viel darüber erzählt. Sogar so viel, dass dafür in meinem Stammmagazin, für das ich sonst schreibe, nicht genug Platz war, so dass man die andere Hälfte jetzt eben hier lesen kann.

Seine Bildgestaltung spricht zwar bereits für sich, aber die kräftige, tiefe, dabei aber doch sanfte Stimme zu hören, weckt dann doch den Wunsch in einem, er möge in Zukunft bitte noch Hörbücher einsprechen. Zwar kann man seinen Münchner Ursprung nach all den Jahren in Berlin noch immer heraushören, aber das trägt nur weiter zu seinem markanten Charme bei, dem nicht nur Christian Petzold erlegen ist.

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Zehn Minuten Widerstand

Wie 2018 ein Film zum Thema „Widerstand“ an der Willy Brandt Schule in Warschau entstand und in Leipzig uraufgeführt wurde. Anschauen könnt ihr ihn natürlich auch.

Vielleicht erinnert sich jemand an meine Filmgruppe, über die ich vor 18 Monaten schon einmal einen Artikel geschrieben habe? Letztes (und ebenso vorletztes) Jahr hatte ich einmal mehr die Gelegenheit, sie bei einem Projekt begleiten zu dürfen, wenn auch in leicht veränderter Zusammensetzung – worauf ich noch zu sprechen kommen werde.

Ausgangspunkt war ein internationales Schulprojekt der Goerdeler Stiftung zum Thema Widerstand, an der einige deutsche Auslandsschulen teilnahmen, inhaltlich jeweils auf ihr Gastland bezogen. Film war dabei eine (mögliche) Form sich damit zu beschäftigen, und gleichzeitig Beleg der (hoffentlich) gelungenen Auseinandersetzung. Mein eigener Widerstand bestand allerdings gleich zu Anfang in der vor meiner Teilnahme breit diskutierten, reportagehaften Form, mit allem, was einem Filmfan die Augenlider schützend senken lässt: von eingeblendeten Land- und Stadtkarten, Statuen, Denkmälern, historische Plätzen, Voiceover und sehr sehr viel trockener Informationsvergabe war die Rede. Das war sicher pädagogisch wertvoll konzipiert, aber mit Filmsprache, Motivation, Identifikation, Humor oder gar Spannung hatte das rein gar nichts am Hut. Ich sah das jugendliche Publikum bei der Vorführung schon während des Vorspanns wegdösen. Mein Fokus lag darauf, es etwas länger wach zu halten, und daher plädierte ich für einen narrartiven Ansatz, der auf einem persönlichen Zugang der jungen Erwachsenen (zwischen 16 und 18 Jahren) zur polnischen Geschichte basiert: was hat diese mit ihnen zu tun, jetzt, hier und heute? Davon ausgehend lief es dann beinahe wie von selbst.

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Rettungsring

Rettungsring

“Frauen und Kinder zuerst” rufe ich, während ich vom Deck springe, ins Mittelmeer, wo gerade unser letzter Rest Würde ertrinkt, unangetastet. Bilder wie aus einem Albtraum, der längst zu einer Realität geworden ist, an die wir uns gewöhnt haben, wie an die Erzählungen von Konzentrationslagern, und die Versicherung, dass wir selbst es damals anders gemacht hätten – mit dem Wissen von heute, versteht sich. Wir zeigen mit dem Finger auf Trump und Kim und rufen “Haltet den Dieb!”, weil Besitzer einer Badehose unter Polizeischutz darum fürchten, dass ihnen auch die von einem dieser mittellosen, um ihr Leben strampelnden Nichtschwimmer im Mittelmeer streitig gemacht werden könnte, sollten Vereinzelte es wider Erwarten doch an unsere Ufer schaffen.

Fremd geworden sind mir die Vorgänge in der Welt, oder schlimmer noch, merkwürdig vertraut, wie sie mir einst beim Quellenstudium zur Vorgeschichte des dritten Reichs begegnet sind. Die Recherche dazu hat mich nie los gelassen, sie beschäftigt mich immer wieder, und die Grenzen zur Gegenwart sind komplett verwischt, der Kreis der Geschichte hat sich geschlossen, um uns, und wer jetzt nicht aufsteht und protestiert, gehört bald zu den Abtransportierten, egal wie weiß, männlich, jung und Deutsch sie heute auch sein mögen – spätestens morgen erweist sich jeder als zu blauäugig. Rettungsring weiterlesen